Rechnungswesen-Lexikon

Zielsystem

Die Steuerung des Unternehmens erfolgt durch Zielsetzungen. Dementsprechend gehört die Formulierung eines Zielsystems, in dem alle Ziele bzw. Teilziele zum Ausdruck kommen, zu den wichtigsten Aufgaben der Geschäftsführung.

Für marktwirtschaftlich orientierte Unternehmen gehört die langfristige Gewinnmaximierung zu den wichtigsten Zielen. In der betrieblichen Praxis kann dieses Ziel jedoch nicht isoliert betrachtet werden, sondern ist unter Beachtung zusätzlicher Zielsetzungen zu verfolgen. Da häufig ein ganzes Bündel gleichzeitig zu verfolgender Ziele vorliegt, spricht man von pluralistischen Zielvorstellungen bzw. von einem Zielsystem.

Die große Anzahl von Einzelzielen beruht häufig auf der Tatsache, dass am Zielbildungsprozess mehrere Instanzen wie z.B. der Eigentümer, die Gewerkschaften, der Betriebsrat und die Arbeitnehmer beteiligt sind. Das Zielsystem resultiert aus den unterschiedlichen Vorstellungen dieser Gruppen.

Beispiel:

Beabsichtigt die Unternehmensleitung zum Zwecke der Gewinnmaximierung, die Lohnkosten über Entlassungen von Arbeitnehmern zu reduzieren, so steht dieses Ziel in krassem Widerspruch zu den Vorstellungen der Belegschaft, die auf Sicherung ihrer Arbeitsplätze bedacht ist. Ein Kompromiss könnte z.B. so aussehen, dass einerseits keine Arbeitskräfte entlassen werden und andererseits die Arbeitsplätze von Mitarbeitern, die aus Altersgründen ausscheiden, nicht neu besetzt werden.

1. Zielvorstellungen

Als sinnvolles Klassifikationskriterium möglicher Zielvorstellungen bietet sich eine Unterscheidung in monetäre und nicht monetäre Zielvorstellungen an. Unter monetären Zielvorstellungen versteht man dabei alle Ziele, die sich in Geldeinheiten messen und bewerten lassen, wie z.B. der Gewinn oder Umsatz eines Unternehmens. Nicht immer lassen sich alle Ziele gleichzeitig verwirklichen (Zielkonflikte). Beispielsweise ist eine Erhöhung des Marktanteils häufig nur durch Werbemaßnahmen möglich, deren Kosten höher sind als die zusätzlich realisierten Gewinne bzw. Deckungsbeiträge.

Zu den nicht monetären Zielvorstellungen gehören sowohl ökonomische als auch außerökonomische Ziele. Beispielhaft sollen hier genannt werden:

  • Unabhängigkeit von bestimmten Lieferanten oder Kunden

  • Sicherung von Arbeitsplätzen

  • Verminderung von Umweltbelastungen

  • Verpflichtungen gegenüber der Familientradition

2. Zielarten

Zielarten können nach unterschiedlichen Kriterien systematisiert werden. Häufig erfolgt eine Unterteilung nach

  • der Rangordnung der Ziele,

  • dem zeitlichen Bezug der Ziele,

  • dem angestrebten Ausmaß der Zielerreichung und

  • den Beziehungen zwischen den Zielen.

Eine Systematisierung nach der Rangordnung von Zielen führt zur Unterscheidung von Ober-, Zwischen- und Unterzielen.

Oberziele sind meistens nicht operational formuliert, d. h., sie lassen sich nicht in Maßgrößen (Anzahl, Geld, Gewicht) vorgeben. Gewöhnlich stellen sie die obersten Zielsetzungen eines Unternehmens dar, die in der Regel nicht direkt, sondern über Zwischenstufen erreicht werden sollen.

Die Ableitung der Zwischen- und Unterziele muss sehr sorgfältig erfolgen, damit das Gesamtziel des Unternehmens nicht aus den Augen verloren wird. Anders als Oberziele müssen Zwischen- und Unterziele operational formuliert werden. Nur so ist es möglich, den Erfolg und die Leistung von verantwortlichen Mitarbeitern oder von Unternehmensbereichen zu messen.

Beispiel:

Ziel der Werbeabteilung ist es, eine möglichst breite Bevölkerungsschicht anzusprechen (Unterziel), damit der Umsatz einer Produktgruppe ein bestimmtes Niveau erreicht (Zwischenziel), um auf diese Weise den Gewinn zu erhöhen (Oberziel).

Unterscheidet man bei den Zielarten nach dem angestrebten Ausmaß der Zielerreichung, so wird zwischen unbegrenzten und begrenzten Zielen differenziert. Bei unbegrenzten Zielen wird ein maximaler Zielerreichungsgrad angestrebt (z.B. Gewinnmaximierung, Kostenminimierung, größtmöglicher Marktanteil). Von begrenzten Zielen wird gesprochen, wenn der fixierte Zielwert quantifiziert worden ist (Erhöhung des Marktanteils auf 25 %).

Als weiteres Systematisierungskriterium für die Zielarten bietet sich der zeitliche Bezug an. Hier können unterschieden werden:

  • Kurz-, Mittel- und Langfristziele

  • zeitraum- und zeitpunktbezogene Ziele

  • statische und dynamische Ziele

  • dauernde und vorübergehende Ziele

Kurz-, mittel- und langfristige Ziele orientieren sich an der Kalenderzeit. Welcher Zeitraum als kurz-, mittel- oder langfristig anzusehen ist, muss im Rahmen der Zieldefinition von der Unternehmensleitung festgelegt werden.

Ein zeitpunktbezogenes Ziel ist beispielsweise die Absicht, zu einem bestimmten Stichtag liquide Mittel in Höhe von 1.000.000 EUR zur Verfügung zu haben

Ein zeitraumbezogenes Ziel wäre dementsprechend das Vorhaben, den Bankbestand in den Ersten sechs Monaten des Geschäftsjahres nicht unter 750.000 EUR absinken zu lassen.

Während statische Ziele die Entwicklung im Zeitablauf außer Acht lassen, werden bei dynamischen Zielen Zeitabläufe mit berücksichtigt. Ein dynamisch formuliertes Ziel wäre beispielsweise die Absicht, den Umsatz einer Produktgruppe von Januar bis März im Vergleich zum Ersten Quartal des Vorjahres um 10 % zu steigern.

Das meistverfolgte dauernde Unternehmensziel ist sicherlich das Gewinnstreben. Das Bestreben, alle in den nächsten 12 Monaten fällig werdenden Kredite zu prolongieren, stellt hingegen ein vorübergehendes Ziel dar.

3. Zielbeziehungen

Wenn mit dem Ziel 1 auch gleichzeitig Ziel 2 ganz oder teilweise erreicht wird, spricht man von einer komplementären Zielbeziehung. Beispielsweise führt eine Kostenreduktion im Verwaltungsbereich (Ziel 1) unter sonst gleichen Bedingungen zu einer Gewinnsteigerung (Ziel 2).

Führt das Erreichen von Ziel 1 dazu, dass Ziel 2 nicht oder nur sehr unvollkommen erreicht wird, spricht man von einer konkurrierenden Zielbeziehung. Eine starke Ausweitung von Kundenserviceleistungen bei gleichzeitiger Kostenreduktion im Servicebereich ist ein gutes Beispiel für Zielkonkurrenz.

Hat die Erfüllung einer Zielsetzung keinen Einfluss auf die Erfüllung einer anderen Zielsetzung, spricht man von Zielindifferenz. Beispielsweise hat eine Verbesserung des Kantinenessens keinen Einfluss auf eine Senkung des Betriebsstoffverbrauchs in der Produktion.

Hingegen spricht man von Zielantinomie, wenn die Realisation von Ziel 1 automatisch die Realisation von Ziel 2 ausschließt und umgekehrt. Eine Zielantinomie, die als Extremfall der Zielkonkurrenz angesehen werden kann, liegt z.B. vor, wenn der Ausstoß einer Maschine stark erhöht und gleichzeitig ihr Energieverbrauch stark gesenkt werden soll.

4. Zielkonflikte

Im Falle von konkurrierenden Zielsetzungen können sich folgende Zielkonflikte ergeben:

  • Individualkonflikte

  • hierarchisch bedingte Konflikte

  • innerorganisatorische Konflikte

Individualkonflikte entstehen bei Spannungen zwischen den Zielen der Organisation und den davon abweichenden Zielen eines Mitgliedes dieser Organisation. Solche Spannungen können bewusst oder unbewusst auftreten. Ihre Auswirkungen sind umso stärker, je höher die Stellung des Entscheidungsträgers ist, der die abweichenden Ziele verfolgt.

Hierarchisch bedingte Zielkonflikte können auftreten, wenn Ziele nicht operational formuliert werden. In einem solchen Fall empfiehlt es sich, das Ziel in operationale Zwischen- oder Unterziele zu zerlegen.

Beispiel:

Nicht operationale Zielvorgabe für den Produktionsleiter: Produzieren Sie Autos! Lösungsansatz: Produzieren Sie in 6 Monaten mindestens 2.000 Autos und halten Sie die Stückkosten unter 20.000 EUR.

Innerorganisatorische Konflikte können entstehen, wenn die im Hinblick auf das Oberziel zusammenarbeitenden Abteilungen eigene Zielvorstellungen haben, die nicht miteinander harmonieren.

Beispiel:

Der Marketingleiter möchte unter absatzpolitischen Erwägungen die Produktpalette verbreitern, der Produktionsleiter möchte diese Produktpalette unter fertigungstechnischen Gesichtspunkten verringern.

Um solche Zielkonflikte zu vermindern, muss zunächst geprüft werden, ob es sich im konkreten Fall um subjektive oder hierarchisch bedingte Konflikte handelt. Erstgenannte können unter Umständen durch andere Entlohnungsformen oder Aufstiegsmöglichkeiten abgemildert oder beseitigt werden. Hierarchisch bedingte Zielkonflikte entstehen häufig durch ungünstige Abgrenzung der Abteilungen. Hier müssen ggf. die Abteilungen neu organisiert, die Unterziele neu formuliert oder die Kompetenzen anders verteilt werden.

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